Leiden eines Dorfes unserer Heimat im Siebenjährigen Kriege

Zum Abschluß des Friedens von Hubertusburg vor 200 Jahren

Quelle: Rudolf Weber in

Am 15. Februar 1763 wurde der Siebenjährige Krieg, der unserem Sachsenlande so großes Unheil brachte, durch den Frieden von Hubertusburg beendet.

Dieser Krieg war der dritte, den Friedrich II. von Preußen um Schlesien führte. Kurz nach seinem Regierungsantritt (1740) war er, nach kriegerischem Ruhme lechzend, unter Berufung auf längst verjährte, angebliche Rechte in Schlesien einmaschiert, in ein Gebiet, das Nebenland des Königreichs Böhmen war. Der Krieg war keine unbedingte Notwendigkeit für Preußen, er war ein Raubkrieg, denn er bezweckte die Inbesitznahme eines fremden Landes. Maria Theresia, die Königin von Böhmen, mußte, da sie sich auch sonst in ihrem Besitze bedroht sah, Schlesien nach zweijährigem Ringen aufgeben. Noch einmal entbrannte der Kampf 1744-45 (2.Schlesischer Krieg). Und auch der Siebenjährige Krieg war die Folge des Landraubes, denn Maria Theresia, nunmehr auch Kaiserin, suchte begreiflicherweise mit Hilfe von Verbündeten das verlorene Land wieder zu erlangen.

Friedrich II. begann den 3. Schlesischen Krieg (1756-1763) mit einem Einfall in Sachsen im August des Jahres 1756. Damit brachen furchtbare Jahre für unser Sachsenland an. Hier herrschte August II. von Sachsen - Polen; in Wirklichkeit führte die Regierungsgeschäfte der gewissenlose, verschwenderische, auf seine Bereicherung bedachte Graf Brühl. Er reihte sich in das Bündnis der Gegner Preußens ein und stürzte sein Vaterland durch seine Leichtfertigkeit und Unfähigkeit in namenloses Unglück.

Brühl hatte dazu geholfen, den Polen einen König aufzudrängen, von dem sie nichts wissen wollten. Auch für Sachsen war das polnische Abenteuer von verheerenden Folgen. Jetzt erhoffte Brühl eine Landverbindung zwischen Sachsen und Polen. Wir sehen also, Ruhmsucht und dynastische Interessen waren auch damals die Ursachen der Kriege. Die Völker wollten wie zu allen Zeiten keinen Krieg, aber sie mußten die Zeche bezahlen. Zwar kam es außer den Schlachten von Hochkirch (1758) und Freiberg (1762) nicht zu größeren kriegerischen Ereignissen auf sächsischen Boden. Aber Friedrich II. betrachtete Sachsen als erobertes Land und saugte es bis zum Letzten aus. Der Gesamtschaden wird auf 100 Millionen Taler geschätzt. Zahlen über das Maß der Kriegsleistungen sind vor allem aus größeren Städten ( Leipzig, Dresden, Chemnitz, Freiberg) bekannt, kaum aus kleinen Orten. Und gerade diese haben auch schwer leiden müssen.

Vor einigen Jahren erhielt ich Einblick in ein Buch, in dem der Gerichtsschöppe Michael Kunze in Kertzsch bei Waldenburg genaue Aufzeichnungen über die Kriegslasten des Dorfes hinterlassen hat. Der Ort liegt zwar nicht in unserem Kreisgebiet, jedoch in der Nähe. Darum erscheint es mir aufschlußreich, auf diese Aufzeichnungen näher einzugehen, weil anzunehmen ist, daß unsere Dörfer Ähnliches erfahren mußten.

Kertzsch hatte vor 200 Jahren eine Ortsflur von 12 Hufen, die sich auf 7 Pferde- und 5 Handbauern, 2 Gartenbesitzer und einen Häusler verteilten. Insgesamt hat das Dorf nach Kunze im ganzen Kriege 20 470 Taler 18 Groschen 4 5/8 Pfennige an Lieferungen, Schockgeldern (Grundsteuern) und Quatembern (vierteljährliche Personenabgabe) aufbringen müssen.

Auf die einzelnen Jahre verteilen sich die Lasten wie folgt:
1756 449 Tlr 4 Gr     9 Pfg
1757 833 Tlr 9 Gr     3 Pfg
1758 989 Tlr 5 Gr     2 Pfg
1759 1194 Tlr 20 Gr     3 Pfg
1760 2584 Tlr 9 Gr     4 Pfg
1761 3131 Tlr 4 Gr     9 Pfg
1762 8488 Tlr 2 Gr   10 Pfg
1763 4015 Tlr 6 Gr     7 Pfg
  Die Übersicht zeigt, daß mit der Länge des Krieges die Forderungen ins Unerträgliche stiegen. Ja sogar im Jahre 1763 erreichten sie, obwohl der Frieden im Februar geschlossen wurde, eine kaum glaubliche Höhe. In der Hauptsache mußte an die Preußen geliefert und gezahlt werden. Beteiligt waren aber auch die Reichsarmee und die Österreicher, die bis in unsere Gegend vordrangen, wenn Friedrich II. auf den großen Kriegsschauplätzen in Bedrängnis geriet, wie 1758 im Oktober und November, 1759 von Oktober bis Dezember, 1760 im April, 1761 von August bis Dezember, 1762 von Januar bis Juni und im Oktober. Bezeichnend ist, was Kunze über das Verhalten der Soldaten zu berichten weiß:"Die Preußen hießen und waren Feinde, die Österreicher wollten Freunde sein, es waren jedoch schlechte Freunde."Noch schlimmer trieben es die Angehörigen der Reichsarmee. "Den 5. August (1761) kam die Reichsarmee auf hiesigen Leidenberg 6 000 Mann.- Da war kein Erbarmen, es blieb keine Sense, Sichel, weder Stotz noch Kanne, Topf, Schüssel, noch Löffel im Hause, es wurde alles ausgetragen.- Diese schlechten Gäste waren dem Preußischen Freibataillon gleich.- Sie sollten zu Hilfe kommen, aber zum Verderben, sie zogen durch das Land und halfen das Land auszehren. Wenn sie sollten eine Bataille (Gefecht) liefern, so rissen sie aus und verzehrten alles und gingen nach Haus."

Was geliefert werden mußte - Heu, Stroh, Hafer, Brot, Mehl - war auf eigenen Wagen in die Heereslager zu fahren.Die Bauern waren oft wochenlang unterwegs, verloren zuweilen ihre Pferde und Wagen und " kamen am Stecken" arm heim. Konnten die Forderungen nicht erfüllt werden oder hielt man sich nicht an den Termin, so wurde dem Dorf eine Exekution, ein militärisches Kommando, auferlegt, das auf Kosten der Einwohner lebte. Kunze äußert sich darüber an einer Stelle:" Es ging sehr bös und gottlos bei dieserExekution zu, es wurde bald fast alle Tage getanzt, hielten sich bald mehr Huren mit da auf als Soldaten da lagen." Bei der Berechnung der Exekutionsgelder wurden die Schock- oder Quatembersteuern zugrunde gelegt.

Man forderte einfach ein Vielfaches davon, z.B. im Jahre 1762 312 Quatember.

Oft mußten Schanzgräber in die preußischen Lager entsandt und Spannfuhren für militärische Zwecke geleistet werden. Bei dem starken Abgang von Soldaten, den das preußische Heer durch Verluste und Desertation erfuhr, erzwang Friedrich II. von Sachsen Ersatz von Rekruten, die also in den Reihen ihrer Feinde gegen ihre engere Heimat kämpfen sollten.

Auch Kertzsch mußte mehrere Rekruten stellen, die meist gar nicht im Dorf vorhanden waren. Dann wurde dafür entweder Geld gezahlt oder ein Rekrut "in natura" gekauft.So stammte einmal einer aus dem Anhaltischen, ein anderer aus der Bayreuther Gegend, ein dritter aus dem Reußischen.Es war der reinste Menschenhandel.

Die Nachricht vom Abschluß des Friedens am 15. Februar 1763 wurde auch in Kertzsch als eine Erlösung von einem schweren Joche empfunden. Aber noch lange dauerte es, bis alle Kriegsschäden beseitigt waren.

Die Sinnlosigkeit des ganzen Krieges wird erst klar, wenn man bedenkt, daß dieses Völkermorden keinerlei Veränderungen in der politischen Situation Deutschlands herbeiführte. Die Menschen hatten sieben Jahre umsonst geblutet und ungeheure Werte an Besitz verloren, nur weil die Fürsten sie in ihrem eigenen Interesse aufeinanderhetzten.


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